Strategiepapier, 10.10.2013
für die Friedrich-Sacher-Stiftung
Bundespressekonferenz Berlin
für eine umfassende Medienbildung jenseits interessengeleiteter Medienpädagogik
Zur Problematik:
- Die Anwendung nicht evaluierter Konzepte (der IT-Branche) führen nicht zu mehr selbstverantwortlicher Mediennutzung!
- Es gibt keinen Jugendmedienschutz, sondern vor allem Medienschutz!
(seriöse Nutzungsstudien belegen, dass Altersfreigaben für gewalthaltige Medienprodukte leicht zu umgehen sind – s. z.B. www.mediengewalt.eu und www.mediengewalt.eu/blog – Selbstkontrollorgane und Freigabepraktiken sind zudem vermehrt in Verruf geraten)
- Gewinne aus einem wachsenden Wirtschaftszweig werden privat verbucht, die Folgekosten für Therapien, Anti-Mobbing-Trainings, Suchtprävention usw. trägt die Allgemeinheit. (s. z.B. www.aktiv-gegen-mediensucht.de und www.wowdetox.org)
- Die Medienindustrie nutzt gezielt die natürlichen Schwachpunkte in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus, um ihnen zu suggerieren, dass sie durch Medienerfahrungen cool und erfolgreich werden. Der Spin „Digital Native“ ist dazu geeignet, dass die Erfahrung Erwachsener von den jungen Betroffenen ignoriert wird.
- Desintegrationsprozesse durch eine ungünstige Mediennutzung vor allem männlicher und sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher öffnet die soziale Schere noch mehr.
- Mediengewalt ist omnipräsent (TV, Games usw.) und führt nicht zwangsläufig zu einer direkt sichtbaren Verrohung, sondern ist dazu geeignet langfristig den gesellschaftlichen Konsens „Nie wieder Krieg und Gewalt!“ auszuhebeln – durch die Gewöhnung an konstruierte Verteidigungssituationen und gewaltverherrlichende Lösungsstrategien. (s. z.B. www.militainment.info und www.wasd-magazin.de)
Konstruktive Ansätze:
- Medienerziehung beginnt lange vor dem Einsatz von Medien und spätestens mit dem Kauf des ersten Bilderbuchs!
- Für Medienbildung ist ein systematischer Lehrplan an Schulen erforderlich, der von Kultusministerien nach allgemeingültigen Bildungsstandards entwickelt wird, ebenso wie evaluiertes didaktisches Material – das Thema ist für eine demokratische Gesellschaft zu wichtig, um es Landesmedienanstalten, die vor allem die Wirtschaftsförderung im Blick haben, zu überlassen.
- Je später man elektronische Medien einführt, umso besser! Denn je jünger Kinder sind, umso mehr sind nicht reduzierte Angebote für alle Sinne erforderlich und ein Lernen in Beziehung zu anderen Menschen (ein gutes Körpergefühl und Selbstbewusstsein ist die beste Prävention mit Blick auf das Jugendlichenalter).
- Gewaltprävention beginnt mit einer Erziehung, der ein positives Menschenbild zugrunde liegt. Insofern sollten Konzepte wie beispielsweise das der sozialwirksamen Schule (www.sozialwirksame-schule.de) auch auf Kindertagesstätten ausgeweitet und für den Familienalltag nutzbar gemacht werden.
- Mediengewalt muss wieder skandalisiert werden, wie Gewalt als Lösungsmittel politischer Auseinandersetzung ebenfalls! Die unabhängige Langzeitforschung liefert eindeutige Ergebnisse über die Folgen von medialem Gewaltkonsum. Sie muss zur Grundlage einer demokratischen Debatte gemacht werden, statt Freiheit mit der Entscheidung von Konzernen zu verwechseln, deren Phantasie in der Produktion von Filmen und Games doch recht eingeschränkt zu sein scheint.
- Medienmachen ist zwar kein effektives Mittel zur Gewaltprävention, wäre aber ein sehr gutes Mittel, um eine umfassende Medienbildung zu gestalten – indem man über die Vermittlung von Arbeitstechniken bei der Produktion von Filmen und Reportagen das Gemachtsein einer Sendung/eines Eindrucks vermittelt und so Informationen über Medienberufe, Nachrichtenwege, Auswahlprozesse, Manipulationen u.v.m erfahrbar macht. Dies ist naturgemäß erst ab einem gewissen Alter und (Primär-)Erfahrungsschatz möglich.
- Es gibt keine Durchschnittslösungen, sondern auf die jeweilige Familie und deren Situation abgestimmte Konzepte. Das ist tägliche Arbeit, die der Familie von außen aufgedrängt wird – im Sinne der Kinder muss man sich ihr stellen und strukturierend einwirken, da eine Omnipräsenz medialer Eindrücke die Bildungserfolge der nächsten Generation gefährdet.
Ich bedanke mich für die Möglichkeit, dieses Statement in Kurzform hier vorlegen zu können. Da es der Friedrich Sacher Stiftung lobenswerterweise um „Projekte mit einem bildungspolitischen Profil“ zur „Förderung und Unterstützung von bedürftigen Kindern und Jugendlichen“ sowie um „Chancengleichheit und ein menschenwürdiges Leben“ geht, fühle ich mich hier genau an der richtigen Stelle. Es gibt noch viel zu tun!
Belege, weiterführende und zusammenfassende Informationen: Schiffer, Sabine (2013): Bildung und Medien. Was Eltern und Pädagogen wissen müssen. HWK.
Dr. Sabine Schiffer gründete und leitet das unabhängige Institut für Medienverantwortung mit Sitz in Erlangen und Berlin. Das IMV setzt sich mit Fragen der Verantwortung Medienschaffender gegenüber ihren Produkten ebenso auseinander wie mit Fragen um die Verantwortung der Mediennutzer bei der Rezeption und Interpretation von Medienprodukten. Das Themenspektrum reicht von der Analyse der Mediendarstellungen bis hin zur Entwicklung von Konzepten zur Medienbildung. Gerade mit Blick auf das Erstarken einer Fünften Gewalt (Lobby- und PR-Aktivitäten von politischen Think Tanks und Konzernen) macht sich das IMV für die Unterstützung der Vierten Gewalt als wichtige demokratische Institution stark.