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    Vortragsmanuskript, Düsseldorf 22.10.2014
    © Dr. Sabine Schiffer


    In einer Talk-Runde bei Sandra Maischberger im Jahre 2012 legt bereits der Titel ein stereotypes Framing nahe: „Möchten Sie Sinti und Roma als Nachbarn?“. Der teilnehmende Journalist der Schweizer Weltwoche beruft sich bei seiner „Problem“- Benennung stets darauf, Fakten berichten zu müssen. Seine Selektion einzelner Fakten, die durchgängige Zuweisung verschiedener Problematiken auf Sinti und Roma allein und die Weigerung allgemein über Wirtschaftskriminalität in der Schweiz zu sprechen, machten deutlich, warum es nicht gelang aus dem negativen Framing der genannten Gruppe auszusteigen. Immer wieder schwebt dann sofort der Ruch der Tabuisierung und Schönfärberei im Raum, wie auch der Kommentar des Postenden dieses TV-Mitschnitts, Charly Onrop, offenbart.1 Muss ein rassismuskritischer Journalismus also Fakten verschweigen? Geht die Politische Korrektheit soweit, Dinge schönzureden, die eigentlich nicht zu leugnen sind? Wie geht man mit der Tatsache um, dass Medien Missstände benennen müssen? Und wie kann es ihnen gelingen, dieses zu tun, ohne die Verallgemeinerungsmaschinerie zu bedienen?

    Alles eine Frage der Relevanz

    Offenbar macht es immer noch Schwierigkeiten, die Richtlinienergänzung 12.1 des Pressekodex richtig anzuwenden. Dort heißt es:

    „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründeter Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, daß die Erwähnung Vorurteile gegenüber schutzbedürftigen Gruppen schüren könnte.“²

    Obwohl es sich bei der Gruppenzugehörigkeit auch um Fakten handelt, wird hier dafür plädiert, bestimmte Fakten nicht zu nennen – und zwar dann, wenn kein „begründeter Sachbezug“ besteht. Das ist die zentrale Stelle des Absatzes. Ein Faktum soll also dann genannt werden, wenn es diesen Sachbezug gibt, und der ist relativ leicht zu prüfen. Ist nämlich die eventuell zu nennende Eigenschaft für den Sachverhalt relevant, um den es in der Berichterstattung geht? Sind Nationalität, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Geschlecht, Haarfarbe, Schuhgröße, Rechts- oder Linkshändigkeit für die Tat relevant, über die berichtet wird? Wenn ja, dann sollte das Faktum genannt werden – wenn nicht, dann nicht. Das hat nichts mit Verschweigen zu tun, sondern im Gegenteil damit, dass nicht Zusammenhänge suggeriert werden, die weit über das zu berichtende Ereignis hinausgehen und etwa einer ganzen Bevölkerungsgruppe irgendwelche Eigenschaften unterstellen. Das klingt einfach, entpuppt sich aber dann als schwierig, wenn es Darstellungstraditionen gibt. Dann kann man leicht in die Falle tappen, es für „typisch“ zu halten, dass Frauen schlecht einparken, Männer unzuverlässige Partner sind, Ausländer die Sozialsysteme ausplündern, Polen Autos klauen, Schwarze Frauen nachstellen, Muslime Attentate verüben und Sinti und Roma ihre Nachbarn bestehlen. Da hilft dann auch die Vermeidung unliebsamer Benennungen wie „Neger“ oder „Zigeuner“ nichts, wenn man in den stereotypen Kontexten verbleibt – was nicht heißen soll, dass man die Wünsche nach Selbstbenennung betroffener Gruppen nicht respektieren sollte.

    Bei all den genannten Beispielen wird bei entsprechender Prüfung vergleichbarer Taten/Verhaltensweisen klar, dass eine gruppenbezogene Spezifik fehlt, die durch die sprachliche Verknüpfung jedoch nahe gelegt wird. Alle Verhaltensweisen kommen in sämtlichen Bevölkerungsgruppen vor, auch der der sog. Mehrheitsgesellschaft. Allerdings wäre es fatal, die Machtverhältnisse auszublenden. Eine effektive rassismuskritische Arbeit muss eine Machtanalyse immer einschließen, um Herrschaftsverhältnisse und auch Herrschaftssprache ermitteln zu können. Auch hier gilt das Prüfen der Relevanz zu nennender Gruppenzugehörigkeitsmerkmale. Wenn ein Opfer auf Grund seiner Hautfarbe, Nationalität oder anderer Merkmale verfolgt wurde, dann sind diese Merkmale auch zu nennen. Auch hier richtet sich die Beurteilung nach der Frage der Relevanz.

    Fakten können ausgeblendet bleiben, die meisten werden eh nicht genannt, aber Relevantes muss Eingang in die Berichterstattung finden und nicht selten kann eine Ergänzung weiterer Fakten, Gruppen, Merkmale der richtige Weg sein, um eine Stereotypie zu durchbrechen.

    Im Gegensatz zu einer falsch verstandenen Political Correctness oder den Ansätzen sog. Kultursensitiver Berichterstattung sollte es schlicht um die Anwendung der gleichen Standards auf alle Sachverhalte und Themen gehen.

    Sinn-Induktionen sind stets (selbst-)kritisch zu reflektieren

    Alles, was hier für mögliche sprachliche Verknüpfungen beschrieben wurde, gilt für den Bildbereich ebenfalls. Leider ist der Presserat bis heute meinem Vorschlag nicht nachgekommen, die Richtlinien des Pressekodex zeitgemäß zu ergänzen – da inzwischen die Illustration von Print und Online weit fortgeschritten ist und die Bebilderung eines Beitrags nicht selten die Mühen zu nichte machen kann, die sich die formulierenden Journalisten gemacht haben.3 Auch durch Bebilderung können verallgemeinernde Zuweisungen und Gruppenstereotype bedient werden – dieser Tatsache wäre dringend vonseiten der publizistischen Selbstkontrolle Rechnung zu tragen.

    Mittels Bild und Text kann gleichermaßen die Ethnisierung des Sozialen stattfinden, womit wir bei einer wichtigen Fragestellung im Zusammenhang mit Stereotypenreproduktion und Machtstruktur wären, nämlich die nach der Funktion der festellbaren Zuweisungen.4 Wenn etwa Bilder von phänotypisch markierten Jugendlichen das Thema Schulhofgewalt illustrieren, Fotos von Müllbergen die Berichterstattung über Prostitution begleiten, wenn Terror und Gewalt mit Bildern von Kopftüchern und Moscheen „geschmückt“ wird, dann kann der Text noch so sorgfältig formuliert worden sein, Zusammenhänge werden nahe gelegt, ob sie vorhanden sind oder nicht. Manchmal stehen damit einhergehend noch politische Forderungen im Raum, etwa die nach der Zurückdrängung von Prostitution sowie der Abschaffung von Einwanderungsmöglichkeiten – mit Blick auf Osteuropa.

    Wenn aber Selbstbehauptungen im Raum stehen, mag es nicht einfach sein, die Relevanz des Gruppenmerkmals zu prüfen. So hieß es in einer internen Bertelsmann-Publikation im Jahre 2003 sinngemäß: „Der jüdische Medienmogul Haim Sabban will zwei TV-Sender kaufen, um die Israel-Berichterstattung positiv zu beeinflussen.“

    Erschwerend für die Frage nach der Relevanz des markierenden Adjektivs „jüdisch“ kam hinzu, dass Sabban selbst geäußert haben soll, dass dies seine Pflicht als Jude sei. Jedoch auch Axel Springer sah es als seine Pflicht an, Israel publizistisch zu unterstützen. Und noch andere Nichtjuden tun dies. Umgekehrt gibt es Juden, die die Ausrichtung der Bildzeitung aus dem Hause Springer zu diesem Thema verabscheuen und selbst sehr kritisch über israelische Politik berichten. Das heißt: Obwohl es dem Selbstbild Haim Sabbans entspricht, so bleibt es seine subjektive Sicht – erstens, was überhaupt positiv für Israel ist, und zweitens, dass es seine Pflicht als Jude sei. Im konkreten Fall ist zwar nicht zu leugnen, dass Sabban selbst dies „als Jude“ tut, aber dennoch ist das Merkmal „jüdisch“ für den Sachverhalt an sich nicht relevant, weil daraus kein verallgemeinerbarer Grundsatz abgeleitet werden kann. Auch hier fehlt die Spezifik – und das sollte man sich gut merken. Derlei Dekonstruktion hilft, (unbewusste) Reflexe zu erkennen, die oftmals dann auftreten, wenn ein Beispiel eine stereotype Erwartung zu bestätigen scheint. Dann ist Prüfung angesagt und nicht vorschnelles Schlussfolgern. Jeder Rassismus beginnt mit der Markierung, nicht erst mit der offenen Diffamierung.

    Gelingt es Ihnen nun, dieses Vorgehen auch auf die Behauptungen sog. Islamisten anzuwenden, etwa auf ISIS in Syrien und Irak, die vorgeben im Namen des Islams zu handeln?

    Rassistische Elemente und Strukturen im wohlmeinenden Diskurs aufspüren

    Im Jahre 2013 griff die Redaktion von heute.de eine Interviewaussage des Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Markus Löning, auf, der im „ZDFmorgenmagazin“ gesagt hatte: „Wir haben ja aus Bulgarien zum Beispiel, nicht nur Roma, die kommen, sondern wir haben auch zum Beispiel Studenten […].“ Daraus wurde auf der Website des öffentlich-rechtlichen Senders der geflügelte Satz „Es kommen nicht nur Roma – es kommen auch Akademiker.“5 Dieses Beispiel macht zweierlei deutlich: Erstens, die Problematik, der Medienmachende ausgesetzt sind, wenn sie Vorgaben von politischer Seite verarbeiten (müssen), und zweitens, die Fallstricke wohlmeinender Diskurse.6

    Bereits die interessengeleitete Benennung von Sachverhalten stellt ein Problem für den rassismuskritischen Journalismus dar. Eine Analyse von Benennungen/Wortwahl wäre ein wichtiger erster Schritt, um nicht umständlich erklärende Rechtfertigungsreden verfassen zu müssen, wie es ganz aktuell der Guardian in dem Beitrag „10 Mythen über Migration“ versucht hat.7 Im schwachen Defensivdiskurs wird häufig eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufgemacht, so dass der Nutzen der „Ausländer“ als größer herausgestellt wird. Wer ein solches Konzept akzeptiert, darf sich nicht wundern, wenn bei der Entdeckung eines einzigen ökonomisch „Nutzlosen“ aus einer markierten Gruppe, die Interpretationsmaschine gnadenlos in die andere Richtung läuft. Dieser Frame widerspricht zudem der Menschenrechtscharta, wo ja Menschenwürde einfach so zuerkannt wird und nicht erst erworben werden muss.

    Wie soll man nun zudem umgehen mit Begriffen wie „Ausländerkriminalität“, „Armutszuwanderung“ und „Asylmissbrauch“? Sie werfen bereits eine Perspektive auf die Realität und geben ein Framing vor, eine Rahmung, aus der mit keiner Erläuterung mehr auszubrechen ist. Eine Funktionsanalyse der genannten Benennungen macht deutlich, dass sie der Ablenkung dienen – sie lenken ab von den Weltwirtschaftsstrukturen seit 1989 und der neuen Weltkriegsordnung seit 1999, die Flucht und Vertreibung bedeuten. Kann man aber dem Agenda-Setting der Mächtigen entgehen und den Rahmungen, die Lobbyisten, PR-Agenten und Spin-Doktoren ersonnen haben, entkommen? Wie stark bzw. unabhängig ist die idealtypisch imaginierte Vierte Macht?

    Rein theoretisch kann eine Prämissenanalyse oftmals vor bestimmten Diskursschleifen bewahren, wenn man die unterschwelligen Prämissen nur rechtzeitig bemerkt. „Wie gefährlich ist der Islam?“ fragte ein Focus-Magazin auf seiner Titelseite 2007. Durch die Frage nach dem Grad, wird eine Gefährlichkeit bereits als gegeben voraus gesetzt. Im Kontext der Diskussionen um eine Frauenquote wird nicht selten gefordert, dass „bei gleicher Qualifikation“ auch mal Frauen eingestellt werden sollen. Dies unterstellt, dass Männer automatisch qualifiziert seien – angesichts der Situation in der Welt ein schwer in Frage zu stellender Komplex. Und was teilen uns die folgenden Sätze unterschwellig mit?

    • Nicht nur Frauen stehen auf Schuhe.
    • Der jüdische Staat ist nicht dafür verantwortlich, dass der Nahe Osten in Flammen steht.
    • Aussiedler können Leben retten.
    • Muslime erkennen das Grundgesetz an.

    Nicht nur, dass unser Unterbewusstsein Verneinung nicht erkennt, auch die Erwähnung von Selbstverständlichem stellt schon das Gesagte in Frage. Ähnliche wohlmeinende Formulierungen, die auch von Minderheitenvertretern geäußert werden, sind ebenfalls kritisch zu betrachten. Charlotte Knobloch erwähnt gerne, dass sich das „Verhältnis von Deutschen und Juden gebessert“ habe. Damit bürgert sie die Juden aber aus. Gegenproben ermöglichen hier oft einen Zugang. Während noch vom einem wie auch immer gearteten „Verhältnis von Deutschen und Muslimen“ gesprochen werden kann, ergibt eine vergleichbare Formulierung in Bezug auf „Deutsche und Christen“ überhaupt keinen Sinn mehr. Auch die Gegenprobe bei der positiv gemeinten Markierung des „deutsch-jüdischen Autors“ Raphael Seligmann entlarvt die Ausgrenzung, von „deutschchristlichen Autoren“ ist schlicht nie die Rede. Der prototypische Deutsche wird also immer noch als prototypischer Christ imaginiert.8

    Und ich hoffe, Ihnen sind jetzt die beiden Prämissen in meinem letzten Satz aufgefallen: Genus und Sexus sind zu trennen und nicht zusätzlich zu markieren (was es bei Gelegenheit auszuführen gilt – ich verweise an dieser Stelle auf Prof. Elisabeth Leiss – und die Partikel „noch“ soll hier Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass wir die festgefahrenen Strukturen weiterhin zu dekonstruieren suchen und unser Bewusstsein für die Konstruktion durch Sprache und Bilder, die sich über jede Realität als Wahrnehmungsfilter legt, weiterhin schärfen.9

    Weniger Markierung, mehr Normalität ist das Gebot der Stunde. Hier wird die Buntheit der
    Gesellschaft unkommentiert abgebildet.

    1 http://www.youtube.com/watch?v=tvv_C7gDd18
    2 Dieser Text kann als Richtschnur für die mediale Textproduktion allgemein gelten und ist darum von zentraler
    Bedeutung.

    3 http://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/RL12_2_Textvorschlag_Begruendung1.pdf
    4 Von Klischees und falschen Bildern http://www.bpb.de/internationales/europa/sinti-und-roma-in-

    5 http://www.bpb.de/internationales/europa/sinti-und-roma-in-europa/179543/eine-analyse-wie-berichten-medienueber-sinti-und-roma?p=all
    6 http://www.migazin.de/2010/10/01/die-grenzen-wohlmeinender-diskurse-rassismuskritische-aufklarung-aufverlorenem-posten/
    7 http://www.theguardian.com/world/2014/oct/21/ten-myths-migration-europe